Kurunji Flower

Vier Merkmale der Befreiung (Juni 2021)

Auch wenn wir es oft nicht erkennen und wahrhaben wollen, leben wir im Ganzen in einem Zustand der Unwissenheit und Verblendung. Befreiung oder Erwachen meint die Transformation des Menschen von der Verblendung zur Weisheit. Da unser Sinn vom Menschsein stark von unserer Identität aus Zu- und Abneigungen geprägt ist, mag das Folgende aus konventioneller Sicht bisweilen "unmenschlich" wirken. Das Wesentliche der Befreiung ist, dass man sich von dieser Identität löst.

Die Transformation können wir durch eine tiefe und kontinuierliche spirituelle Praxis vorbereiten. Bei deren Qualitäten lassen sich Ursache und Wirkung nicht immer strikt voneinander trennen. Manche Qualitäten können gut durch Übung kultiviert und vertieft werden; dies betrifft besonders die Entspannung, Sammlung und Offenheit. Im Gegensatz dazu kann man die vier Merkmale der Befreiung nicht durch bloßes Üben meditativer Techniken erlangen. Vertrauen, Freude, Gelassenheit und Mitgefühl sind Zeichen einer echten Verwandlung, die wir nicht erzwingen können. Deswegen wird oft von Gnade gesprochen. Wir können uns das Entstehen dieser wertvollen Früchte auch nicht wirklich erklären. Was wir jedoch wissen, ist, dass sie von einer inneren Quelle gespeist werden, die sich langsam oder plötzlich öffnet. Wie auch immer diese Früchte reifen, es hilft, deren reine Formen zu betrachten. Wenn wir diese, im Gegensatz zu den konventionellen Formen, verstehen, dann können wir auch besser verstehen, wo wir uns gerade selbst auf dem Weg befinden. Und es kann uns inspirieren, den spirituellen Weg mit Überzeugung und Konsequenz weiter zu gehen. Das Erwachen selbst ist keine Erfahrung und die Meister haben immer wieder betont, dass man darüber nicht sprechen kann. Es ist jenseits der Worte und nie abgeschlossen, weil es immer offen ist.

Glockenblume

Welche Art von Vertrauen? Mit dem Erwachen suchen wir keine Sicherheit mehr in Konzepten, Ideologien, Dogmen oder Glaubenssätzen und auch nicht mehr bei anderen Menschen. Wir haben erkannt, wie unverlässlich und trügerisch es ist, wenn wir uns von solchen vermeintlichen Sicherheiten abhängig machen. Das Vertrauen, das dann auftaucht, ist ein Vertrauen ins Leben, ein Vertrauen ins Dasein, selbst wenn es uns mit unangenehmen Dingen konfrontiert. Auch wenn wir körperliche oder emotionale Schmerzen verspüren, leiden wir dann nicht mehr darunter, sondern können diese als einen unvermeidbaren Teil unserer Existenz betrachten. Dieses Vertrauen ist ein bedingungsloses Aufgehobensein und zeigt sich durch Disidentifikation zu den Erfahrungen, die kommen und gehen. Das heißt nicht, dass sich der Befreite vom Leben zurückziehen muss, auch wenn das gelegentlich vorkommt. Mit einem unerschütterlichen Vertrauen kann jeder Situation ins Auge geblickt werden. Die Meister leben mit einer Furchtlosigkeit, die uns in vielen Geschichten überliefert wird.

Welche Art von Gelassenheit? Was sich auf körperlicher Ebene als Entspannung zeigt, das zeigt sich auf mentaler Ebene als Gelassenheit oder Gleichmut. Manche Menschen verwechseln Gelassenheit mit Gleichgültigkeit, was etwas ganz anderes ist. Nichts könnte dem Erwachten ferner sein als Gleichgültigkeit. Da er in direkten Kontakt mit der Wahrheit gekommen ist, unterscheidet er diese klar von der Lüge - in seinem Denken, Sprechen und Handlen. Gelassenheit ist stark vom Vertrauen bedingt. Ob Positives oder Negatives erlebt wird, man nimmt es nicht mehr so wichtig und reagiert auch nicht blind darauf. Man weiß, dass sich die Dinge jederzeit ändern können und dass alles von kurzer Dauer ist. Das, was zählt, liegt dann außerhalb der Wechselfälle des Lebens. Aus dieser Gelassenheit heraus entstehen Toleranz und Frieden mit sich selbst, anderen Menschen und der Welt.

Flower

Welche Art von Freude? Ebenso wie das Vertrauen speist sich die Freude nicht mehr aus äußeren Dingen. Gewöhnlich suchen wir Freude in angenehmen Erfahrungen, und ohne diese geht es uns nicht gut. Dann leben wir in einem Gefühl des Ungenügens und gehen auf Jagd nach den für uns angenehmen sensorischen Reizen. In der Regel machen wir uns von ihnen abhängig, weil uns das Angenehme nur kurzzeitig Befriedigung verschaffen kann und wir immer wieder gezwungen werden, solche Erfahrungen zu wiederholen. Die Freude, die hier gemeint ist, ist eine Freude, die von innen kommt, unabhängig davon, was draußen passiert. Sie hängt eng mit dem Vertrauen und Loslassen zusammen und zeigt sich durch eine Art fortwährende innere Extase. Daraus ergibt sich eine tiefe Zufriedenheit, man ist nicht mehr Sklave der eigenen Wünsche und lebt in Unabhängkeit und Fülle.

Welche Art von Mitgefühl? Hier ist kein Mitgefühl gemeint, das durch rationale Überlegungen entstanden ist, wie etwa die Einsicht in die gegenseitige Abhängigkeit oder der kategorische Imperativ der Ethik. Diese Überlegungen sind freilich wertvoll und helfen wichtige Tugenden zu kultivieren. Mitgefühl hier meint eine innere Haltung zur Welt und zu anderen Lebewesen, die aus der Erfahrung und Überzeugung einer Einheit und Verbundenheit mit allem Leben entstanden ist. Vor dem Erwachen leben wir in einer Haltung der Dualität, wir unterscheiden zwischen uns und den anderen. Danach betont der Erwachte das Gemeinsame, weniger das Trennende, weil er das Gemeinsame als das Fundamentale erkannt hat. Deshalb wird der befreite und erwachte Mensch so weit wie möglich gewaltlos bleiben und zwischen den Menschen ausgleichen und vermitteln. Manche verwenden in dem Zusammenhang auch das oft missbrauchte Wort der Liebe, dann meint es die bedingungslose und alle Lebewesen umfassende.

Sea

Meditatives Üben (April 2020)

Um meditativ üben zu können, haben uns die Meister neben der Entspannung auch Sammlung und Offenheit gelehrt.

Was bedeutet Sammlung? Sammlung wird mit verschiedenen Begriffen umschrieben, man spricht von Fokussierung, Versenkung oder auch Konzentration. Letzter Begriff ist etwas problematisch, da er mit Anstrengung und Anspannung konnotiert ist. Dies steht im Widerspruch zur Entspannung und wäre deshalb kontraproduktiv. Um Missverständnisse zu vermeiden sprechen wir deshalb nicht von Konzentration. Mit Hilfe der Sammlung soll unser zerstreuter und verwirrter Geist gesammelt und beruhigt werden. Hierzu benutzen wir einen "Anker", auf den wir unsere Aufmerksamkeit richten und zu dem wir mit unserer Aufmerksamkeit immer wieder zurückkehren, wenn wir davon abkommen. Dieser Anker kann ein Objekt unserer Sinne sein: etwa das Hören eines Gongs, das Spüren des Körpers oder das Sehen eines visuellen Objektes. Dieser Anker bzw. Fixpunkt kann auch ein Geisteszustand der Achtsamkeit, Aufmerksamkeit bzw. des Gewahrseins sein. Egal mit welcher Art von Anker wir arbeiten: es geht immer darum, zu diesem zurückzukehren, sobald wir merken, dass unser Üben vom Thema abschweift. Insofern ist der Prozess des Übens von meditativen Techniken ein dynamischer Vorgang - im Gegensatz zu den stabilen meditativen Zuständen (Skrt. Dhyana), die wir dabei erfahren können. Über die Zustände selbst können wir wenig sagen oder schreiben; diese liegen jenseits unserer Kategorien der Anschauung und damit jenseits unserer verbalen Begriffe. Was wir sagen können ist einerseits, wie wir die Zustände kultivieren können, und andererseits, was sie bewirken. Hat man längere Zeit Meditation praktiziert, kann eine fortgeschrittene Fähigkeit zur Sammlung hinzukommen: der Adept kann sich dann willentlich in einen Versenkungszustand begeben. Dies ist in der Regel erst nach Jahren intensiver Meditationspraxis möglich. Deswegen sind Geduld und Ausdauer unerlässlich.

Durga temple Varanasi

Was bedeutet Offenheit? Egal ob Meditation neu für uns ist oder ob wir schon länger meditieren, wir müssen immer offen für das Unbekannte und Neue sein - nur dadurch ist Transformation möglich. Genau das stellt aber eine sehr große Herausforderung für uns dar. Zum einen erfordert es Mut, sich auf das Ungewisse einzulassen. Lehrer und Traditionen können hier helfen, so dass wir die Angst vor dem Ungewissen verlieren. Aus Angst ziehen wir häufig, ganz so wie im Leben, die Sicherheit der Freiheit vor; im Leben zahlen wir dafür meist einen hohen Preis. Zum anderen müssen wir uns von dem lösen, was Offenheit behindert: unsere gewohnheitsmäßigen Vorlieben und Abneigungen. Diese Gewohnheiten sind so tief in unserer Psyche verankert, dass wir uns nur sehr schwer von ihnen lösen können. Die Gewohnheiten sind es auch, die unserem Leben aus weltlicher Sicht Bedeutung und Identität geben. Sich von ihnen zu lösen ist deshalb in der Regel ein schmerzhafter Prozess. Wer verabschiedet sich ohne Not gerne von lieb gewonnenen Irrtümern? Offenheit ist auch damit verbunden, dass man erkennt, dass der spirituelle Wege nie abgeschlossen ist. Der spirituelle Weg kennt zwar Durststrecken aber keine Langeweile. Freilich kann man das aus weltlicher Sicht schwer erkennen, es fehlen Ablenkungen und Zerstreuungen.

Satsang

Sammlung und Offenheit im Alltag: Genauso wie Entspannung nicht nur beim Üben meditativer Techniken sondern auch im Alltag eine große Rolle spielen sollte, so trifft dies auch für die anderen Merkmale zu. Formales Üben findet im geschützten Raum statt, was es uns leichter macht, die Fähigkeiten bzw. Merkmale zu kultivieren. Wie weit dies gelungen ist, zeigt sich dann dadurch, ob wir zu einer meditativen Lebensführung finden. Sammlung im Alltag bedeutet nicht, sich zurückzuziehen, sondern ganz auf das bezogen zu sein, was gerade geschieht. Dies kann eine Tätigkeit sein oder eine Begegnung mit einem andern Menschen. Dies drückt sich sehr schön in der Frage aus, wer der wichtigste Mensch im unserem Leben ist? Die Meister haben uns gelehrt, dass es immer der Mensch ist, der gerade vor uns steht. Offenheit bedeutet nicht Beliebigkeit, sondern nach außen hin anpassungsfähig und flexibel zu sein. D.h. wir beharren nicht auf die eigenen Vorstellungen und geben diesen nicht die alleinige Bedeutung, sondern nehmen eine Haltung ein, die in dem, was geschieht, womit wir konfrontiert werden, etwas sieht, das uns etwas sagen will. Meistens verhalten wir uns nämlich genau entgegengesetzt: nach außen unnachgiebig und festgelegt, uns selbst gegenüber nachlässig. Chögyam Trungpa brachte das auf seine Art etwas überspitzt so auf den Punkt: "In jeder Situation haben Sie die Wahl entweder offen oder eine Nervensäge zu sein."

Entspannung, Sammlung und Offenheit können nicht erzwungen werden und sind nicht wasserdicht voneinander zu trennen. An manchen Tagen oder auch in manchen Lebensphasen werden uns die Dinge einfacher gelingen, dann wieder weniger. Deshalb sollten wir noch einem vierten Merkmal Beachtung schenken. Dies ist eine Haltung, die so schön mit den Worten "sich selbst ein Freund sein" umschrieben wird, die Anwendung der Gewaltlosigkeit (Skrt. Ahimsa) auf die spirituelle Praxis - ein gutes Maß an Toleranz und Nachsicht sich selbst und auch anderen gegenüber.

brook

Entspannung (Dezember 2019)

Gründe der Anspannung: Wenn wir genau hinschauen, liegt der Anspannung, mit der die Meisten von uns durchs Leben gehen, eine innere Haltung des Widerstandes zu Grunde. Wir hätten gerne, dass unsere Welt und unser Leben anders wären als sie in der Realität sind. Grund dafür sind Gefühle, Gedanken und Emotionen des Ungenügens. Dieses Ungenügen wiederum hängt eng mit unseren Wünschen und Hoffnungen zusammen. Meistens erkennen wir nicht, dass es sich dabei häufig nicht einmal um unsere echten Bedürfnisse handelt, sondern um Normen, die wir vom Umfeld und von äußeren Einflüssen übernommen haben. Die fast lückenlose Ökonomisierung unserer Welt durch Materialismus, Wettbewerb und Werbung haben unsere Erziehung, Gesellschaft, Beziehungen und damit uns und unser Leben stark geprägt. Hinzu kommt, dass wir die Balance zwischen Aktivität und Passivität verloren haben. In unserer Kultur gilt es als lobenswert etwas erreichen zu wollen und aktiv, ehrgeizig, eifrig und fleißig zu sein. Dies hat stark zu der Entwicklung von Wissenschaft und Technik beigetragen, von der wir heute vielfältig profitieren. Darüber haben wir allerdings vergessen, den passiven Teil des Lebens zu kultivieren und zu schätzen. Passivität meint hier nicht beliebige Einflüsse unreflektiert in sich aufzunehmen - was gefährlich wäre - sondern das bewusste Spüren des Lebens bzw. des Daseins.

Folgen der Anspannung: Mit einem andauernden Konflikt zwischen dem was ist und dem was sein sollte ist weder ein harmonischer Alltag noch Meditation möglich. Dieser zunächst mentale Konflikt spiegelt sich sowohl im Emotionalen als auch im Körperlichen. Dies führt dann zu körperlichen Verspannungen und auf Dauer zu physischen Krankheiten. Zwar ist das Bestreben häufig ein positives, der Zweck soll die Mittel heiligen. Allerdings ist das auch hier ein vergebliches Bemühen. Anspannung ist weiter ein wesentliches Hindernis in der Meditation: Während der Praxis werden Ablenkungen von außen als Störung empfunden und die Gedanken können nicht zur Ruhe kommen. Das Jetzt und die Situation können nicht so angenommen werden, wie sie sind.

Disi

Kultivierung der Entspannung: In der Praxis der Entspannung macht man sich die enge Verknüpfung von Geist, Emotionen und Körper zu Nutze: Wenn wir die körperliche Entspannung regelmäßig praktizieren, so wirkt sich dies ebenso positiv auf die emotionale sowie mentale Ebene aus. Körperliche Entspannung kann geschehen, wenn wir unseren Körper zur Ruhe kommen zu lassen und ihn dabei bewusst spüren. Dabei richten wir unsere Aufmerksamkeit besonders auf Bereiche, die am stärksten von Verspannungen betroffen sind: Füße, Hände, Hüfte, Schulter / Nacken, Kiefer und Zunge, Stirn und Gesicht. Übt man dies regelmäßig kann einerseits der Körper Kraft tanken, andererseits wird der Geist nicht nur ruhiger sondern kann auch offener und klarer werden; er dreht sich dann auch nicht mehr ausschließlich um die eigenen Wünsche und Ansichten. Deshalb ist es gut, wenn zu Beginn des Sitzens der Fokus zunächst auf die Entspannung gelegt wird. Weiter kultiviert man durch meditative bzw. mentale Techniken einen Zustand ohne Gedanken, der eng mit dem parasympathischen Nervensystem in Verbindung steht; dieser Teil des Nervensystems ist zuständig für das passive bzw. autonome Geschehen. Dies ist nicht nur im Sitzen, sondern auch im Stehen, Liegen oder Gehen möglich.

Wirkungen der Entspannung: Entspannung bzw. Loslassen ist eine der wichtigsten Zutaten zur Meditation. Manche Meister haben sogar betont, dass es sich dabei um das wichtigste Merkmal einer erfolgreichen Meditation handelt. Ohne dieses Merkmal ist es nicht möglich in einen stabilen gedankenlosen Zustand zu kommen. Man wird dann immer wieder durch Gedanken abgelenkt, was wertvolle Effekte der Meditation verhindert. Die Anspannung kann subtile Formen annehmen: Allein der Wunsch, mit meditativen Techniken etwas erreichen zu wollen erzeugt eine Spannung bzw. einen Widerspruch zwischen dem was ist und dem was sein soll. Dies ist ein Paradox der Meditation: Wir wissen, dass die Praxis gut und notwendig ist, um etwas zu erreichen. Wir wissen auch, dass die Fixierung auf Ziele kontraproduktiv ist. Wie wir mit diesem Paradox umgehen entscheidet darüber, welche Früchte wir aus der Meditation ernten können. Generell kann man sagen, dass es bei den Mechanismen im Alltag und in der Meditation Ähnlichkeiten gibt. Dies betrifft auch die Entspannung. Man wird feststellen, dass man im Alltag viel mehr Energie hat und wesentlich widerstandsfähiger gegen Störungen ist, wenn man gelassen ist. Das hat auch nichts mit Gleichgültigkeit zu tun; es ist eher so, dass sich Dinge viel leichter zum Besseren wenden, wenn wir sie so akzeptieren, wie sie gerade nun mal sind - ein weiteres Paradoxon. Wenn Energie fließt, dann ist unsere Aktivität auch eine andere, nämlich eine ohne Anspannung. Dann können wir intuitiv erkennen, wann es Zeit für Passivität und Aktivität ist und können Passivität und Aktivität nicht nur ausgleichen sondern sogar verbinden.

Stupa

Gesundheit (März 2018)

Von Gesundheit sprechen wir meist erst dann, wenn wir sie verloren haben. Nicht nur werden wir uns dann des Wertes der Gesundheit bewusst, manchmal geht dies mit einer Krise einher, die uns klar macht, dass es Zeit ist, unsere Lebensgewohnheiten zu ändern. Meistens gehen wir mit den Krankheiten aber so um, wie es uns die Gesellschaft suggeriert: Wir wollen die Krankheit so schnell wie möglich los werden, um uns wieder ganz den Ablenkungen und Unterhaltungen, die das Leben bietet, zuwenden zu können. Einerseits erzeugt dies oft Erwartungsdruck und Konflikt, was Heilung eher verhindert. Andererseits können wir so nicht zum Wesentlichen vordringen, von der Krankheit zu lernen und mit ihr zu wachsen. Der Kern des Problems sind nicht die Symptome der Krankheit, sondern die Ursachen, die dahinter stehen. Wie entwickelt sich eine Krankheit? Wir haben den körperlichen Signalen nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt, wir haben unsere größte Verantwortung nicht angenommen, nämlich die Sorge um uns selbst. Dies ist eine Kernbotschaft des Yoga, die ihn für das Gesundheitsmanagement so wertvoll macht: Lenke die Aufmerksamkeit von den Ablenkungen in die Gegenwart. Wievieles könnte mit einer solchen Haltung vermieden werden, von der leichten Verkühlung über das Rückenleiden bis zum Verkehrsunfall. Der Körper sendet oft subtile Botschaften, bevor eine Krankheit ganz ausbricht; können wir diese Botschaften nicht lesen, so werden wir gezwungen, nach dem Ausbruch die dann deutlicheren Botschaften wahrzunehmen. Ist es nun aber zu einer Krankheit gekommen, dann hilft es, in der Krankheit keine Bedrohung, sondern eine Erfahrung zu sehen, ihr mit Offenheit und Akzeptanz zu begegnen. Auch dazu bildet der ganzheitliche Yoga einen Rahmen: Durch Selbsterforschung erkennen wir unseren eigenen Beitrag zur Krankheit, durch Praxis ohne Leistung und Ziel - anders als im Sport oder in manchen sportlich orientierten Yogastilen - entwickeln wir Sensibilität und Akzeptanz. Wir erkennen, dass alle Menschen Erfahrungen wie Alter, Krankheit und Tod, sowie Emotionen wie Angst und Unsicherheit gegenüberstehen. Das Annehmen dieser menschlichen Grundkonstanten ermöglicht es loszulassen und schon dadurch Selbstheilungskräfte zu aktivieren.